Glück ist von flüchtiger Natur. Und dennoch lässt es sich ab und zu einfangen. In kleinen runden oder halbmondförmigen Teigtaschen beispielsweise. Jeder, der schon einmal in ein Momo gebissen hat, kennt die perfekte Harmonie von weichem oder knusprigem Teig mit saftiger Füllung.

«Die tibetische Küche ist nicht sehr vielfältig, deshalb sind wir auf unser Nationalgericht besonders stolz», sagt Tenzin Tibatsang. Der 28-jährige Zürcher ist einer der bekanntesten Momo-Produzenten des Landes und hat viel zu ihrer Popularität beigetragen. Angefangen hat seine Erfolgsgeschichte durch einen Zufall vor vier Jahren. Damals arbeitet er noch als Grafiker in einer Werbeagentur und engagiert sich in seiner Freizeit im tibetischen Jugendverein. «In der Agentur wurde es zum Ritual, dass wir jeden Mittwoch Momos essen gingen. Als ich einmal Geld für die Kampagne des Vereins sammelte, entstand die Idee, dass ich die Momos selber mache und mich meine Kollegen dafür bezahlen.»

Tenzins Teigtaschen kommen so gut an, dass er schon bald die ganze Agentur regelmässig damit beliefert. Als ihn eine Freundin auf das damals neue Streetfoodfestival aufmerksam macht, kauft er sich einen Foodtruck, zieht von Festival zu Festival und macht Momos im ganzen Land bekannt. Und die Schweizer, die bis anhin bloss Ravioli, Maultaschen und vielleicht noch Gyoza kennen, lieben die tibetischen Teigtaschen. Momos treffen den Nerv der Zeit. Sie sind frisch, exotisch, authentisch – und sie erzählen eine Geschichte: Die Geschichte der vielen Tibeter, die hier in der Schweiz leben. Das ist die Magie des Essens: Wer neue Gerichte probiert, taucht nicht nur die Zunge, sondern auch den Geist in andere Kulturen ein.
In Tibet sind Momos ein Festessen, das von der ganzen Familie in aufwändiger Handarbeit gemeinsam zubereitet wird. Schon die Kleinsten helfen mit.

«Ich musste immer den Teig ausrollen», erinnert sich Tenzin, der mit neun Jahren in die Schweiz gekommen ist. Jede Familie hat ihr eigenes Rezept, traditionellerweise wird Yakfleisch verwendet. Es gibt auch vegetarische Variationen. Momos mit Fisch oder Meeresfrüchten findet man in Tibet allerdings nicht. Dahinter steckt eine buddhistische Überzeugung: Wenn schon ein Tier getötet wird, soll es möglichst viele Menschen ernähren können. Ein Fisch oder eine Crevette macht nicht einmal eine Person satt. Von einem geschlachteten Yak hingegen lebt eine ganze Familie mehrere Wochen. Weil Yakfleisch in der Schweiz fast nicht erhältlich ist, füllt Tenzin seine Momos mit Rindfleisch, bietet aber auch eine vegetarische und eine vegane Variante an. Im Gegensatz zu anderen Momo-Anbietern, die ihre Teigtaschen knusprig braten, werden sie bei «Tenz» gedämpft. Das entspricht der klassischen Zubereitungsart im Tibet. Dort werden nur die übriggebliebenen Momos vom Vortag gebraten, um sie aufzuwärmen. Frisch ist ihre Hülle weich und die Füllung saftig. Seine Rezepte entwickelt Tenzin selber. Er recherchiert, befragt seine Verwandten, schaut Youtube-Videos und tüftelt so lange an der Füllung bis sie perfekt ist. Glücklich ist er, wenn ihm andere Tibeter sagen, seine Momos würden wie die ihrer Mutter schmecken. 

Seinen Foodtruck stattet er bewusst mit einer Plexiglasscheibe aus, damit die Kunden zuschauen können, wie ihre Momos vor Ort aus frischen Produkten von Hand zubereitet werden. Einmal ist die Schlange vor dem Tenz-Stand so lange, dass sich einige seiner Freunde, die eigentlich bei ihm Momos kaufen wollten, spontan die Schürze umbinden und ihm bei der Produktion helfen. «Ich hatte Glück, dass jeder Tibeter Momos machen kann», sagt Tenzin. Er fängt an, Mitarbeiter einzustellen und von einem eigenen Restaurant zu träumen. Im Frühling 2017 eröffnet er schliesslich sein erstes Lokal an der Badenerstrasse in Zürich.

Das läuft so gut, dass er zwei Freunde aus dem tibetischen Jugendverein bittet, bei ihm einzusteigen. Im Winter 2018 kommt ein zweites Restaurant an der Zürcher Langstrasse dazu. Mittlerweile beschäftigen die drei 30 Angestellte.

Die drei jungen Männer sind stolz, dass sie einer neuen Generation von Tibetern in der Schweiz ein Gesicht geben können. Die Lust an Momos ist ihnen noch lange nicht vergangen. «Wir essen selber noch täglich unzählige unserer Teigtaschen. Sie sind einfach zu gut», sagt Tenzin lachend und erzählt von seiner ganz eigenen – nicht ganz ernst gemeinten – Theorie, wie Momos zu ihrem Namen kamen: «Als der bekannte Bergsteiger Heinrich Harrer, der sieben Jahre in Tibet verbrachte, sie zum ersten Mal probierte, fand er sie so gut, dass er ‹more, more, more› sagte. In seinem Englisch mit österreichischem Akzent, klang das wie Momo, Momo, Momo. So heissen sie seither.» 

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