Awraris Grimma hebt den spitzen Deckel des geflochtenen Korbes. Wie ein Zauberer, der einen Hasen aus seinem Zylinder zieht, weiss er, welche überraschte und begeisterte Reaktionen er mit dieser Bewegung auslöst. Denn auf einen Blick offenbart sich seinen Gästen die Fülle und Farbigkeit der äthiopischen Küche. Auf einem riesigen Fladenbrot sind gelbe und rote Linsen, Kartoffeln, Rüebli, Bohnen, Spinat, Frischkäse, Tatar und Curries aus Lamm-, Rind- und Pouletfleisch drapiert. Während das Auge noch versucht, die bunten Tupfer der angekündigten Speisen zuzuordnen, steigt der Duft von Kardamom, Zimt, Ingwer und Knoblauch in die Nase und vertreibt die letzten Zweifel, dass die afrikanische Küche langweilig sein könnte. In seinem breiten Berner Dialekt mit charmantem Akzent erklärt der Gastgeber, wie man in seiner Heimat isst. Denn Gabeln und Messer liegen nicht auf dem Tisch bereit.

Anstelle von Besteck, reisst man mundgerechte Stücke des Sauerteig-Fladenbrotes ab, auf dem die Gerichte arrangiert sind und tunkt diese in die Speisen. Schon nach wenigen Bissen merkt man, dass auch als Erwachsener das Essen mit den Händen Spass macht, denn es bereichert das kulinarische Erlebnis. Injera heisst das schwammartige Fladenbrot, das in einem komplizierten mehrtägigen Verfahren aus dem äthiopischen Getreide Teff hergestellt wird. Es ist das wichtigste Grundnahrungsmittel des Landes.

Es spielt auch eine Rolle bei der Suche nach der richtigen Braut. Denn nur eine Frau, die perfektes Injera herstellen kann, ist, laut Tradition, eine zum Heiraten.

«Die äthiopische Küche ist die vielseitigste ganz Afrikas. Deshalb ist sie wahrscheinlich auch die beliebteste und erfolgreichste. In allen Metropolen dieser Welt kann man äthiopisch speisen», erzählt Awraris. Stolz auf seine Heimat schwingt in seiner Stimme mit. Das war aber nicht immer so. Als Kind erlebt er die Folgen der verheerenden Dürreperioden der 80er-Jahre, als Jugendlicher flieht er ins benachbarte Sierra Leone, um dem Bürgerkrieg in Äthiopien zu entkommen. Als dort auch Krieg ausbricht, flüchtet er wieder und landet als 23-Jähriger 1991 schliesslich in der Schweiz. Einem Land, von dessen Existenz er vorher nichts gewusst hatte. Das Schicksal verschlägt ihn nach Bern, wo er seine Frau Claudia kennenlernt und eine Familie gründet. Er findet Arbeit im Service und fängt an, immer dienstags in einem Quartierzentrum die Gerichte seiner Kindheit zu kochen. Manchmal kommt nur ein Gast und Awraris lädt am Abend seine vollen Töpfe wieder auf sein Velo und fährt nach Hause. Entmutigen lässt er sich davon aber nicht. «Das ist meine äthiopische Seele. Wir verlieren nie die Hoffnung», erklärt er. Und tatsächlich sind seine Abende schon bald ausgebucht.

Der Traum von einem eigenen Restaurant keimt in ihm auf. Bis er in Erfüllung geht, verstreichen zwölf bewegte Jahre, in denen Awraris’ Optimismus immer wieder auf die Probe gestellt wird. 2011 eröffnet er schliesslich gemeinsam mit seiner Frau Claudia im Berner Universitätsquartier das Injera, benannt nach dem berühmten Fladenbrot. Schon nach wenigen Wochen ist das Lokal immer voll. Die Gäste lieben die aromatische Küche Äthiopiens, in der die verschiedenen Einflüsse des Vielvölkerstaates zu schmecken sind. Das Einzigartige an der äthiopischen Küche ist, dass sie, im Vergleich zu den anderen afrikanischen Küchen, ihre Eigenständigkeit bewahren konnte, da das Land nie kolonialisiert wurde. Mit ihren traditionell vegetarischen, veganen und zum Teil glutenfreien Gerichten, bedient sie zudem den Zeitgeist.

Aber auch Fleischliebhaber kommen auf ihre Kosten, denn im Injera gibt es sogar Tatar. Für viele Gäste, die überraschendste Speise auf der Karte. Awraris erklärt, in seiner Heimat sei früher viel rohes Fleisch gegessen worden. Denn die Äthiopier seien ständig in Kriege verstrickt gewesen und hätten sie abends ein Feuer angezündet, um ihr Fleisch zu braten, wäre die Rauchsäule weit sichtbar gewesen.
Natürlich lockt das exotische, kräftig gewürzte Essen die Menschen ins Injera. Doch das Lokal hat noch mehr zu bieten, als kulinarische Genüsse. Es hat eine Seele. «In Äthiopien laden wir Freunde und Fremde dazu ein, aus einem Teller zu speisen. Um dieses Gemeinschaftsgefühl geht es mir», sagt Awraris. Was könnte besser geeignet sein, Menschen näher zu bringen, als Essen. 

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