Über das Kopfsteinpflaster der Berner Altstadt spazieren Einheimische und Touristen und in den Laubengängen der behäbigen Bürgerhäuser machen sich die Cafés und Restaurants für den Mittagsservice bereit. Im Restaurant Chun Hee in der Münstergasse 39 vollzieht sich ein Wandel, der sich zweimal pro Tag beobachten lässt: Aus der quirligen, fröhlich-strahlenden Eve Angst wird eine «Diktatorin» in ihrem Küchenreich. So sagt Eve selbst über sich: «Sobald ich in der Restaurantküche stehe, bin ich nicht mehr Eve, sondern ein General. Die Qualität, Hygiene und Organisation müssen stimmen.»

Das Chun Hee bietet eine kleine Auswahl koreanischer Speisen an, die sehr frisch zubereitet werden, überraschen und neugierig machen. Es bietet mit dem «Bulgogi» eine wunderbare Geschmacksreise durch Korea, welche europäisch interpretiert ist. Das Restaurant selber entspricht einer traditionellen schweizerischen Gaststube zum Verweilen. Die Rezepte habe sie den Schweizer Essgewohnheiten angepasst, sagt Eve. Sie habe wochenlang in Kochkursen und zuhause in der Küche mit den Rezepten gepröbelt. Ihr härtester Kritiker sei immer ihr Mann Tinu, der in seinem Urteil gnadenlos ehrlich ist.

Die koreanische Gemeinde in der Schweiz hätte ihre modifizierten Gerichte in den ersten Jahren abgelehnt. Aber inzwischen wird sie selbst in Südkorea in vielen Blogs erwähnt und es wird ihr zugestanden, dass ihre koreanischen Rezepte auch im Heimatland zur Spitzengastronomie zählen würden. Sie selbst will aber keine Küchenbrigade von 20 Leuten. Es gibt auch gar keinen Platz dafür im Altstadthaus. Sie will nicht, dass ihre Gäste für das viele Personal bezahlen müssen, sondern für das Essen, das serviert wird.

Eve weiss, was sie tut. Ihr koreanisches Familienrestaurant Chun Hee hat schon wenige Monate nach der Eröffnung 2015, die Herzen und Gaumen der Berner erobert. Wobei Familienrestaurant zweierlei bedeutet: Erstens empfängt die Besitzerin und Chefköchin mit asiatischem Aussehen und astreinem Berner Dialekt Familien in ihrem sehr gepflegten, mit Kunst ausgestatteten Restaurant mit aller Herzlichkeit. Zweitens arbeitet fast die ganze Familie im Betrieb mit. Ihr Mann Tinu, die drei Kinder der beiden, sowie sogar die 86-jährige Mutter von Tinu (sie faltet und klebt Papiertäschchen für die Essstäbchen) sind fest in den Restaurant-Alltag eingespannt. Alle drei Söhne sind im Haus an der Münstergasse geboren. Ausserdem arbeitet Eves beste Freundin Noel, selbst auch Koreanerin, im Restaurant mit und versorgt dieses mit Keramikgeschirr aus ihrer eigenen Töpferei.

Eve hat ihre Liebe zur koreanischen Küche einem Erweckungserlebnis zu verdanken. Als sie das erste Mal Kimchi, das koreanische Grundnahrungsmittel und Nationalgericht aus fermentiertem Chinakohl, gegessen hat, habe das in ihrem Kopf etwas ausgelöst. Sie spürte plötzlich ihre koreanischen Wurzeln. Fast kein Essen kommt in Korea ohne Kimchi aus, das nebst Kohl auch aus Rettich mit Salz, Chili, Knoblauch und Fischsosse hergestellt wird. Zu fast jedem koreanischen Essen gehört eine Suppe. Zur Grundausstattung ausserdem Sojabohnen. Sie werden zu Tofu («dubu») und Sojasauce («ganjang») verarbeitet. 

Eve wuchs die ersten fünf Lebensjahre in der Hafenstadt Busan in Südkorea auf. Ihre Mutter musste sie aus finanziellen Gründen freigeben und Eve wurde von einem Berner Ehepaar adoptiert. Die Liebe zum Essen sei ihr zuhause nicht beigebracht worden, dafür viel Struktur und genaues Arbeiten. Sie hätten viele Konflikte ausgefochten, aber heute sei sie froh um die strenge Schule.
Rückblickend spricht Eve von Entwurzelung. «Meine Muttersprache habe ich in der Schweiz leider verlernt», sagt sie. Manchmal erschrecke sie, wenn sie in den Spiegel schaue und eine Asiatin erblicke. So schweizerisch fühle sie sich. Mit 20 Jahren wollte sie ihre Wurzeln finden und fand ihre Mutter, zwei Brüder und eine Schwester in der alten Heimat. Sie hält den Kontakt zu ihnen bis heute aufrecht.

Zur etwa gleichen Zeit baute sie zusammen mit ihrem Mann das Wohnhaus nahe beim Berner Münster grösstenteils in Eigenregie um, machte das Wirtepatent und stieg in die Gastrobranche ein. Für ihren Mann Tinu war es nicht der erste Kontakt mit der Beizen-Szene: In diesem Haus, das er seit den frühen 80er-Jahren besitzt, hatte er nach eigener Einschätzung 1979 die erste illegale Bar der Schweiz betrieben, das «Boot». Eve und Tinu waren sich dort zum ersten Mal begegnet.

Der Anfang im Chun Hee war hart. Alleine in der Küche habe sie regelrecht hyperventiliert. Sie habe sich bald Hilfe holen müssen. Als gut vernetzte Organisatorin an sich kein Problem. Aber weil es ganz am Anfang harzig lief, wollte sie sich nicht noch zusätzliche Kosten aufbürden. Sie hätten keine Werbung gemacht, seien einfach gestartet. Sie spielten auch mit dem Gedanken aufzugeben, auch Ihr Buchhalter rief dazu, aber sie hielten durch.

Heute ist das Chun Hee eine Institution in Bern. Um dem Ansturm gerecht zu werden, führte Eve zwei Reservations-Schichten ein. Sie hätten immer so viele Gäste am Telefon abweisen müssen, das hätte ihr leidgetan.

Wie sie auf die Erfolgsstrasse gekommen ist, weiss Eve. Sie hat die Kritik an ihrer Küche und an ihren Rezepten von Anfang an immer ernst genommen. Nur dann könne man lernen. Und woher kommt ihre unbändige Energie, um neben dem Chun Hee, neben der Familie auch noch begeistert mit dem Mountainbike und den Ski über Berg und Tal zu fahren? Als sie ihre leibliche Mutter in Südkorea kennengelernt habe, habe sie gemerkt, dass sie die Konsequenz und der Fleiss von ihr hat. Aber es gebe noch eine andere Erklärung: «Ich ging einmal zu einem Heiler, einem Bauern mit speziellen Kräften. Er schaute mich an und sagte: «Weisch, i bi o so wie du. Uchruut vergeit nid.»

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